PM: “Das Problem in Wurzen heißt Rassismus” – Antifa-Kundgebung im braunen Herz des Muldentals

Wurzen, 20.01.2018

Für den heutigen Samstag hat das bundesweite Bündnis “Irgendwo in Deutschland” zu einer Kundgebung in Wurzen unter dem Motto “Solidarität mit allen Betroffenen rassistischer und rechter Gewalt” aufgerufen, die aktuell noch läuft. Dem kurzfristigen Aufruf folgten erfreulicherweise 250 Menschen aus der Region und dem gesamten Bundesgebiet. Wie erwartet war die Polizei mit einem hohen Aufgebot präsent und agierte repressiv gegen die Kundgebung, die zuvor mit völlig überzogenen Auflagen belegt worden war. Während der Kundgebung kam es zu einem Angriff von Nazis, die u.a. bewaffnet mit langen Messern, Teleskopschlagstock und Baseballschläger aus einer bekanntermaßen von Nazis genutzten Immobilie in der Bahnhofstraße stürmten. Fotos von dem Angriff finden sich hier: https://twitter.com/SoerenKohlhuber/status/954740724012109824
Zudem wurde von Nazis eine Gegenkundgebung durchgeführt.

Die Pressesprecherin des Bündnisses, Sandra Merth: “Wir sind heute nach Wurzen gefahren, um zu zeigen: Wurzen hat kein Image-Problem, Wurzens Problem heißt Rassismus. Wir nennen Wurzen das braune Herz des Muldentals, denn es vereint all die Widerlichkeiten, die auch anderswo eine explosive Mischung bilden: ungestörte Nazistrukturen, eine größtenteils schweigende bis unterstützende Stadtbevölkerung und eine Politik, die sich lieber um das Image der Stadt, als um das Wohlergehen der Menschen kümmert, die in ihr leben.”

Schon in den 1990er Jahren galt Wurzen als “national befreite Zone”. In den letzten Jahren waren Geflüchtete in der Stadt andauernden Bedrohungen, Beleidigungen und schweren körperlichen Angriffen ausgesetzt. Sandra Merth dazu: “Es ist wichtig, die Betroffenen zu fragen. Angriffe auf Geflüchtete und ihre Wohnungen sind in Wurzen Alltag. Es ist ein Skandal, dass nun Betroffene aus Angst vor dem gewalttätigen Mob die Stadt verlassen mussten, während die Rassist_innen sich weiterhin ungestört am Bahnhof, in den Straßen, Kneipen und Sportvereinen von Wurzen treffen.” Sandra Merth fordert ein konsequentes Einschreiten gegenüber der rassistischen Szene in Wurzen: “Wir begrüßen es, wenn sich Geflüchtete gegen rassistische Angriffe zur Wehr setzen. Wir bezweifeln, dass sie dabei auf Stadt, Polizei oder Bundesland hoffen dürfen. Was es jetzt braucht, sind aber deutliche Signale an die Rassist_innen. Wir werden Wurzen solange keine Ruhe lassen, bis ihre Angriffe aufhören.”

Das “Irgendwo in Deutschland”-Bündnis hatte bereits am 2. September 2017 anlässlich des “Tages der Sachsen” in Wurzen demonstriert. Sandra Merth verweist auf die damaligen Erfahrungen: ”Auch bei unserer letzten Demonstration in Wurzen wurden Ausschreitungen von der Lokalpresse geradezu herbeigeschrieben, am Bahnhof marschierte damals das SEK auf. Alles nur, damit die hiesigen Zustände unbeachtet bleiben. Auch heute zeigte sich wieder ein Mob aus gewalttätigen Rassist_innen, der unsere Kundgebung attackieren wollte. Wir lassen uns davon nicht einschüchtern!”

Das “Irgendwo in Deutschland”-Bündnis unterstützt zudem den Aufruf des RAA Sachsen zu Spenden für die selbstorganisierte Unterbringung und rechtliche Unterstützung von Geflüchteten aus Wurzen, der online hier zu finden ist: http://raa-sachsen.de/newsbeitrag/spendenaufruf-fuer-die-betroffenen-aus-wurzen-fuer-unterbringung-und-rechtlichen-beistand.html

Bündnis “Irgendwo in Deutschland”

Advertisements

Wurzen: Samstag Antifa-Kundgebung wegen Nazimobilisierung

irgendwoindeutschland“ rechnet für das Wochenende mit neonazistischen Aktionen in Wurzen. Daher wurde für Samstag ab 14:30 Uhr eine Kundgebung beim Bahnhof angemeldet: “Solidarität mit allen Betroffenen rassistischer und rechter Gewalt”. Weitere Informationen (Anreise etc.) folgen zeitnah auf twitter. Die örtliche Neonazi-Szene möchte sich für die Selbstverteidigung der Betroffenen am vergangen Freitag “rächen”. Es muss mit mehr als 300 Neonazis und Rassist*innen gerechnet werden, wie schon 2016.

AUFRUF KUNDGEBUNG SAMSTAG 20.01.18 14. 30 UHR WURZEN/PARK AM BHF.

Solidarität mit allen Betroffenen rassistischer und rechter Gewalt – Vor rechten Strukturen keinen Millimeter zurückweichen!

In der Nacht von Freitag, dem 12. Januar, kam es wiederholt zu rassistischen Angriffen von Neonazis in Wurzen, bei dem mehrere Menschen verletzt wurden. Dies ist ein weiterer Höhepunkt in einer Reihe von Gewalttaten gegen Geflüchtete und nicht-rechte Menschen in der Stadt. Der Angriff fand in einem Wohnhaus statt, in dem viele Geflüchtete lebten. Einige der Bewohner*innen sind von den Angreifer*innen im Schlaf überrascht worden. Die meisten Betroffenen haben noch in der gleichen Nacht Wurzen verlassen. Der Rassismus in Wurzen ist seit vielen Jahren alltäglich und sehr enthemmt: Fensterscheiben werden eingeschmissen, Geflüchtete körperlich attackiert, sie werden auf dem Nach­hau­se­weg abgefangen und beleidigt, Familien werden beim Verlassen der Wohnung bespuckt und bedroht. Immer wieder versuchen Neonazis direkt in ihren Wohnbereich einzudringen.

Der Angriff am Freitag war geplant. Was die Neonazis jedoch nicht einplanten, war die Selbstverteidigung der Angegriffenen. Seit einer Woche versuchen sich die Neonazis als Opfer zu deklarieren und rufen in der Stadt und der Region zu offenen Racheaktionenen auf. Auch für das kommende Wochenende (19. bis 21. Januar) muss mit einem massiven Auflauf von neonazistischen Kräften und rechten Jugendlichen in Wurzen gerechnet werden. Bereits im August 2016 kam es nach einem rassistischen Angriff vor einer Pizzeria, der von den Neonazis ebenfalls zu einem Angriff von “Ausländern” umgedichtet wurde, nach wenigen Tagen zu einem rechten Aufmarsch von mehr als 300 Neonazis und Rassist*innen in Wurzen.

“Die Stadt die jeder hasst: Wurzen!” So oder so ähnlich fühlen sich momentan die Wurzner*innen: Falsch verstanden und verurteilt. Der LVZ-Regional-Chefredakteur Thomas Lieb fasst dies stellvertretend für die “deutschen” Einwohner*innen Wurzens zusammen, die er gleichzeitig in ihrer Haltung bestärkt. So kommentierte er:

“Die eigentliche Tragödie der neuerlichen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ausländern ist nicht die Tat an sich – es ist der Tatort. Wurzen. Weil alle Welt damit das Nazi-Dorf in Sachsen, in dem es ständig kracht, verbindet. Egal, wie überzogen dieses Bild ist. Wäre das, was am Freitagabend in Wurzen passiert ist, in Grimma oder Bad Lausick passiert – es wäre schlimm, hätte aber nicht die Tragweite von Wurzen erreicht.”

Im Weiteren ist Thomas Lieb der Meinung, dass die “dezentrale Unterbringung von Asylsuchenden” ungeeignet sei. Nun könnte dies heißen, dass er sich für eine große “Sammelunterkunft” für Geflüchtete ausspricht – weit gefehlt. Er sagt: “Die Vorkommnisse in Wurzen haben (einmal mehr) untermauert, woran Wurzen seit Jahren leidet. Dafür trägt niemand die Schuld allein. (…) Da kann kein noch so gut besetztes Polizeirevier Frieden sichern. In Wurzen wird eine ungestörte Willkommenskultur in der bisherigen Form nicht gelingen.”

Er sagt damit, dass geflüchtete Menschen in Wurzen niemals sicher leben werden und behauptet, dass die einzige Lösung darin besteht, keine den Neonazis ungenehmen Menschen mehr nach Wurzen zu lassen. In seinen Kommentar vergleicht er die rassistischen Angriffe mit einem Fußballspiel, die Geflüchteten mit Hooligans. Damit unterstützt er die Neonazis und Rassist*innen mit ihrer Forderung “Ausländer raus”. Einen öffentlichen Widerspruch gibt es dazu aus der Stadtgesellschaft bis heute nicht.

Auch die Polizei schafft es seit Jahren in Wurzen sich auf die Seite der rechten Angreifer*innen zu stellen. In den aktuellen Pressemeldungen wird das Geschehen zu einer Auseinandersetzung zwischen “Ausländern” und “Deutschen” gemacht. Wie durch alle Akteur*innen in Wurzen betreiben auch sie eine bewusste Entpolitisierung. Schlimmer noch, in der Vergangenheit gibt es aus Wurzen nicht wenige Berichte, in denen Notrufen von Betroffenen von rassistischer Gewalt erst nachgegangen wurden, nachdem “Deutsche” bei der Polizei anriefen. Als es Pfingsten 2017 zu einem Angriff von betrunkenen Rechten auf Geflüchtete kam, wurden die Betroffenen von der Polizei überhaupt nicht befragt, lediglich die Rassist*innen konnten wieder behaupten, sie seien angegriffen worden. Auch nach diesen Angriff versammelten sich Tage später rund 70 Neonazis und Rassist*innen und versuchten die Wohnungen der Betroffenen zu stürmen.

In den vergangen Jahren gab es aus der Stadtgesellschaft in Wurzen keine öffentlich wahrnehmbare Solidarisierung mit den Betroffenen rassistischer und rechter Gewalt. Stattdessen kommt es im Nachgang immer wieder zu rechten Versammlungen und Demonstrationen, auf denen sich die Täter*innen als Opfer darstellen können. Die Liste an schwersten Angriffen ist gerade in den letzten Jahren lang, eine Kundgebung gegen rassistische und rechte Gewalt gab es bisher jedoch nie.

Unsere Kundgebung am Samstag in Wurzen will genau dieses deutlich machen.

Wir sind solidarisch an der Seite von allen Menschen, die in Wurzen seit Jahren Angriffen ausgesetzt sind. Zugleich wollen wir uns mit der Kundgebung gegen die Erzählung in Wurzen richten, wonach die Stadt nur ein “Imageproblem” habe. Gepflegt wird diese Mär von der Verwaltung, den lokalen Medien sowie politischen Akteur*innen. Das Problem in Wurzen heißt Rassismus. Und dieser äußerte sich nicht nur in den Übergriffen von “Deutschen” am 12. Januar gegenüber Geflüchteten, sondern er äußert sich ebenso in der Verharmlosung der Tat als solcher.

Cafe Morgenland schrieb einst:
“Diese Hoffnung – und unsere Verpflichtung, an der Seite der Stigmatisierten zu stehen – speist sich aus der Ansicht, dass Rassismus und Nationalismus als Konsumgüter betrachtet werden müssen, deren Erwerb – so wie bei allen anderen “Güter“ auch – einen Preis hat, etwas kostet. Diesen Preis also müssen wir möglichst hoch treiben. (…)
Wenn Rassisten angreifen, müssen wir dafür sorgen, dass sie es nie wieder tun!”

Kundgebung: Samstag, 20.01.2018 um 14:30 Uhr beim Park gegenüber dem Bahnhof in Wurzen
Weitere Informationen:
irgendwoindeutschland.org
twitter.com/irgendwoinde

Anklam im Kaltort-Ranking 2017

Nachdem es letztes Jahr Schwerin und der Rostocker Stadtteil Groß Klein in die engere Auswahl des Kaltort-Rankings geschafft haben, beleuchten wir in diesem Jahr die rassistischen Zustände in Anklam. Die Texte zu den anderen Kandidaten für den Kaltort des Jahres 2017 findet ihr auf der Website des „irgendwoindeutschland“-Bündnisses oder über das Facebook-Event (dort findet auch die Abstimmung statt).

Kaltort-Ranking2017: Anklam
Einwohner_innen: 12.712 Einwohner_innen
Selbstbezeichnung: Das Tor zur Sonneninsel Usedom, Geburtsstadt des Flugpioniers Otto Lilienthal Motto: „Ich flieg auf Anklam“

Anklam liegt in Ostvorpommern und hat alles zu bieten, was eine Stadt in einer der strukturschwächsten Regionen Deutschlands ausmacht: hohe Arbeitslosigkeit, massive Bevölkerungsabwanderung, Perspektivlosigkeit und haarsträubende Wahlergebnisse.
Bei der Landtagswahl 2016 hängte die AfD mühelos alle weiteren Parteien ab. Ihr Kandidat Dr. Matthias Manthei erhielt mehr als 30 Prozent der Wählerstimmen. Zur Bundestagswahl 2017 erwies sich die AfD in der Hansestadt, mit über 20 Prozent, als zweitstärkste Kraft. Nur einen Tag später kehrte Manthei seiner Partei den Rücken. Die AfD sei ein Sammelbecken für Radikale geworden und in der Partei hätten sich zahlreiche frustrierte Menschen versammelt, die voller Hass gegen Andersdenkende sind, so seine Begründung. Man ersetze AfD durch Anklam und könnte es kaum treffender formulieren.

Auch die NPD ist in Anklam nach wie vor etabliert und fest im Stadtbild verankert. Ihr ehemaliger Landtagsabgeordneter, der Rechtsanwalt Michael Andrejewski, lädt jeden Montag zur Sozialberatung in das „Nationale Bildungs- und Begegnungszentrum“ in der Pasewalker Straße. Hier hat es sich die NPD seit 2007 in einem ehemaligen Möbelhaus gemütlich gemacht, welches Andrejewski und Tino Müller, ebenfalls NPD-Mann und Kameradschaftsaktivist, bei einer Zwangsversteigerung erwarben. Desweiteren ist das Gelände einer ehemaligen Großbäckerei in rechtsextremem Besitz. Dort ist neben einem NPD-Büro auch der rechtsextreme Verlag „Pommerscher Buchdienst“ und die „Pommersche Volksbibliothek“ eingerichtet. Fünf Gehminuten vom Anklamer Rathaus entfernt liegt das „New Dawn“, ein Fachgeschäft für einschlägige Klamotten, CD‘s und Printmedien.

Seit Jahren unterwandert die NPD die Zivilgesellschaft und macht sich die Versäumnisse der anderen Parteien zunutze. Sie veranstalten kostenlose Grill- und Kinderfeste. Es ist keine Seltenheit, dass bei Stadtfesten Akteure der rechten Szene als Security arbeiten. Rechtsextreme Szene und bürgerliches Leben sind in Anklam fest miteinander verflochten. Jeder Stadtbewohner findet regelmäßig den „Anklamer Boten“ in seinem Briefkasten – ein vermeintlich unabhängiges Mitteilungsblatt, welches Andrejewski herausgibt.

Anklam fällt außerdem durch eine starke Kameradschaftsszene auf, in der bis zu 60 Personen autonom agieren. Der Kameradschaftsbund Anklam (KAB) entstand im direkten Umfeld von „Blood & Honour“ und ist eine der ältesten Kameradschaften im Nordosten. Er zählt zum Netzwerk der Hammerskin Nation.

Doch auch in Anklam gibt es einen Lichtblick: Im Jahre 2014 wurde der Demokratiebahnhof ins Leben gerufen. Das Jugend- und Kulturzentrum wird ehrenamtlich organisiert und hat sich auf die Fahne geschrieben, zur Entwicklung einer lebendigen Zivilgesellschaft beizutragen. In dem ehemaligen Bahnhofsgebäude finden regelmäßig Vorträge, Diskussionsrunden, Film- und Musikabende statt. Seit seiner Gründung muss sich der Demokratiebahnhof leider ebenso regelmäßig gegen rechte Anfeindungen und Angriffe wehren. Im vergangenen Juni kam es beispielsweise zu einem nächtlichen Anschlag, bei dem Farbbomben und Molotowcocktails flogen. Zu diesem Zeitpunkt übernachteten 7 Pfadfinder in dem Hausprojekt und nur durch ihr beherztes Einschreiten konnten schlimmere Folgeschäden verhindert werden.

Ihr seht: Anklam ist heiß auf den Titel #Kaltort2017!

Kaltort-Ranking 2017

Bereits im letzten Jahr haben wir uns am Kaltort-Ranking der Gruppe „demob“ beteiligt. In diesem Jahr wird das Ranking durch das „irgendwoindeutschland„-Bündnis durchgeführt und wir sind wieder mit dabei. Ihr dürft gespannt sein, welche 10 Städte es dieses Jahr in die engere Auswahl geschafft haben. Beteiligt euch fleißig an der Wahl zu „Kaltort des Jahres 2017“ und nutzt dafür das folgende FB-Event: hier.

Wählt mit uns den elendsten Mistort des Landes + Ziel: Aufmerksamkeit für die anhaltende Gegenwärtigkeit der völkischen Mobilisierung + Mitmachen, teilen, prämieren & abstrafen!

Nachdem die letzten Jahre sowohl hinsichtlich der schieren Zahl von Angriffen, als auch mit verschiedensten Kämpfen zur Verhinderung von Geflüchtetenunterkünften – von über 100 Brandanschlägen bis hin zu Protestcamps auf Zufahrtswegen – beeindruckten, wirken die Ereignisse von 2017 auf den ersten Blick ruhiger. Doch die Vorjahre haben den Maßstab nur so deutlich verschoben, dass die Gewaltätigkeit der völkischen Mobilisierung heute noch häufiger unter den Tisch fällt. Dabei berichtet selbst die Polizei aktuell von “20 rechten Tötungsdelikten” seit 2016, dabei vergessen werden mindestens die neun rassistisch-motivierten Morde vom Münchener OEZ. Mit durchschnittlich zwei Brandanschlägen auf Geflüchtetenunterkünfte im Monat und gleich mehreren Übergriffen auf Menschen am Tag ist für die Betroffenen der Angriffswelle noch gar nichts ausgestanden oder abgeklungen. Gerade letzte Woche wurde wieder eine Wohnung von Geflüchteten in Wurzen attackiert.

Kaltland in seinen eigenen Taten

Wir wollen das Jahresende wieder nutzen, euch #Kaltland in seinen eigenen Taten vorzuführen. Das Ziel des Kaltort-Rankings ist es, anhand der Beschreibungen der Verhältnisse von verschiedenen (eben nicht nur ostdeutschen) Orten den rassistischen Konsens der Gesellschaft aufzudecken. Dabei hat die Auswahl bei Weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit – wie auch angesichts der Geschäftigkeit mit der die Menschenfeind_innen zu Werke gehen? – sondern ist durch regionale Abdeckung und vor allem die persönliche Abgefucktheit der Schreibenden entstanden.
Das Ranking soll dabei nicht nur zur Information der Leser*innen dienen, sondern eben auch Aufmerksamkeit auf die Orte lenken. Als Bündnis „Irgendwo in Deutschland“ organisieren wir immer wieder Demonstrationen, mit denen wir auch vor Ort auf die unerträglichen Zustände hinweisen und als sichtbare Opposition auftreten. Wir halten unsere unversöhnlichen Interventionen dabei für eine wichtige Reaktionsform in tristen Zeiten [1] und wünschen uns mehr davon. Egal in welcher Aktionsform: Mehr Druck, mehr Stress, mehr Zeichen, dass auch in diesen Jahren nicht jede Grausamkeit unwidersprochen bleibt. Erfahrungsgemäß lässt sich gerade in kleineren Ortschaften leicht Staub aufwirbeln.

Helft mit: Schafft Aufmerksamkeit für deutsche Zustände!

So läuft es ab: Ab dem 21. veröffentlichen wir täglich im Facebookevent und auf dem Irgendwo in Deutschland-Blog jeweils einen Text über einen Kaltort. Auch wenn es natürlich weit mehr kritikable Ortschaften gibt, werden wir insgesamt 10 dieser Orte beschreiben und euch zum Jahresende zur Abstimmung freigeben. Wenn die Laune wie letztes Jahr ist, schicken wir auch wieder einen Pokal an den Sieger. Letztes Jahr beschäftigte das zumindest das Social Media-Team der Stadt Bautzen.
Wir setzen bei diesem Unterfangen auf eure Unterstützung: Ob in SocialMedia-Währung von Likes, Shares und Retweets oder durch Aktionen an den Orten – Rassist_innen angreifen bleibt letztendlich Handarbeit.

1: Einen Rückblick auf unsere Aktionsformen und die Demonstration in Wurzen haben wir im Magazin des Conne Island veröffentlicht: https://www.conne-island.de/nf/244/14.html

Alle Ortstexte lassen sich im Facebook Event “Kaltort Ranking 2016” oder bei demob auf dem Blog nachlesen: https://deutschlanddemobilisieren.wordpress.com/category/kaltort-ranking-2016/

Ein (auf Facebook und Vimeo schnell gesperrtes) Video vom Pokalversand lässt sich auf Twitter anschauen. Wer dort gräbt, findet auch den Chatverlauf mit der Stadtverwaltung Bautzen:
https://twitter.com/irgendwoinde/status/938511148722335745

Unversöhnlich in Wurzen

Wir dokumentieren einen Rückblick des “Irgendwo in Deutschland“-Bündnisses auf die Demonstration in Wurzen, die Verhältnisse vor Ort und die Entscheidung des Bündnisses für eine unversöhnliche Intervention. Der Text ist im Newsflyer des Conne Island erschienen.

Irgendwo in Sachsen: Wurzen

Das bundesweite Bündnis Irgendwo in Deutschland hat am 02.09.2017 zu einer antifaschistischen Demonstration in Wurzen unter dem Titel „Das Land – rassistisch. Der Frieden – völkisch. Unser Bruch – unversöhnlich“ aufgerufen. Anknüpfend an eine Demonstration anlässlich des 5. Jahrestags der Selbstenttarnung des NSU im November 2016 in Zwickau, hat das Netzwerk in diesem Jahr Wurzen ausgewählt, das sowohl als Blaupause für den bundesweit verbreiteten rechten Konsens herhalten, als auch spezifisch für seine ausgeprägten Neonazistrukturen kritisiert werden sollte. Die Demonstration fand nicht zufällig am Wochenende des Tages der Sachsen, des größten sächsischen Volksfestes, statt, das zeitgleich in der Kleinstadt Löbau begangen wurde. Sachsen feiert sich selbst und präsentiert sich „bunt statt braun“. Wir haben das zum Anlass genommen, die darunter begrabene xenophobe Realität des Landstriches zu betonen.
Sachsen ist die Hochburg der völkischen Mobilisierung in Deutschland und führt die Chroniken der rassistischen Angriffe an. Im Fokus bundesweiter Öffentlichkeit haben Orte wie Bautzen, Clausnitz, Freital oder Heidenau einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt und stehen synonym für Rassismus und Gewalt gegen Geflüchtete und Linke. Wurzen hingegen wurde scheinbar aufgrund seiner langen rassistischen Historie aus den Augen verloren und die hiesigen Zustände finden weniger Beachtung. Ziel der antifaschistischen Demo war es, Wurzen als ein Zentrum rassistischer und neonazistischer Gewalt in Erinnerung zu rufen und als ein exemplarisches Beispiel für die rassistische Normalität in Sachsen anzugreifen.
Wurzen ist seit Jahren eine Hochburg rassistischer Bewegungen und organisierter Neonazistrukturen und war bereits in den 1990er Jahren bekannt als selbsterklärte »national befreite Zone«. Das Zusammenspiel von organisierten Neonazistrukturen, Mob und rassistischer Bevölkerung lässt sich hier idealtypisch verfolgen. Neonazis können sich in Wurzen ungehindert bewegen und sind selbstverständlicher Teil der Stadtgesellschaft, etwa im lokalen Sportverein. Aus derartiger Ruhe agiert es sich umso besser: Aus Wurzen kamen einige der ca. 50 Nazis, die bei dem gewalttätigen Angriff auf Spieler, Verantwortliche und Fans des Vereins Roter Stern Leipzig am 24.10.2009, während des Auswärtsspiels des RSL beim FSV Brandis, dabei waren. Mindestens acht Personen aus Wurzen waren auch an dem Nazi-Angriff auf Connewitz im Januar 2016 beteiligt. Zudem kam es häufig zu massiven rassistischen Angriffen gegen Geflüchtete und ihre Unterkünfte. Erst im Juni, nach beispielhafter Vorarbeit von Polizei und Lokalpresse, versammelten sich 60 Personen, um eine Wohnung von Geflüchteten zu stürmen.
Da es in Wurzen keine großen Sammelunterkünfte gibt, sind Angriffe auf den Wohnraum von Geflüchteten verbreitet. Und sie sind erfolgreich: Bereits vor zwei Jahren mussten Geflüchtete wegen permanenter Anfeindungen während des Tages der Sachsen sogar aus Wurzen ausquartiert werden. Ein Haus in dem nun eine Neonazi-WG statt Geflüchteten wohnt, passierten wir mit unserer Demonstration. Die wenigen bestehenden antirassistischen und demokratischen Strukturen vor Ort waren ebenfalls mehrfach Attacken ausgesetzt. Im August letzten Jahres wurden beim Netzwerk für Demokratische Kultur die Fensterscheiben eingeworfen. Einige Monate später versuchten Neonazis dort ein Treffen von Refugee-Supporter*innen zu stören und die Aktivist_innen einzuschüchtern. Das sind nur wenige Beispiele des rassistischen Normalzustands in großen Teilen der sächsischen Provinz und auch in Wurzen. Hier zeigt sich die dringende Notwendigkeit antifaschistischer Intervention, die – wie in großen Teilen von Sachsen und Deutschland – bisher leider ausgeblieben ist.

Read More

Rassismus und Antisemitismus in der DDR

Wenn das Pogrom von Rostock Lichtenhagen thematisiert wird, dann geht es meistens um die konkreten Ereignisse im September 1992, das Versagen von Polizei und Staat, die Rolle der Medien und um die Folgen wie die Einschränkung des Asylrechts. Selten wird sich jedoch mit den Ursachen des Pogroms beschäftigt. Doch Rostock Lichtenhagen ist 1992 nicht einfach vom Himmel gefallen. Das Pogrom wäre ohne Neonazistrukturen und den Rassismus in der Gesellschaft, den es auch in der ehemaligen DDR gab, nicht möglich gewesen.

Der Historiker Harry Waibel forscht zu Rassismus und Antisemitismus in der DDR. Er hat sich ebenfalls mit Neonazis in der DDR beschäftigt und dazu eingehend die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit studiert. Der Vortrag behandelt genau diese Themenfelder: Rassismus und Antisemitismus in der DDR. Zusätzlich wird auf ihre Bedeutung für das Pogrom von Rostock Lichtenhagen eingegangen werden.

Der Vortrag findet am 20.10.2017 im Cafe Median in der Niklotstraße 6 statt. Veranstaltungsbeginn ist 19.30 Uhr. Vorher wird Harry Waibel gegen 16 Uhr noch beim Radiosender Lohro ein Interview eingeben.

SEK-Beamter mit fragwürdigem Aufnäher

Bei der Antifa-Demo am vergangenen Samstag im sächsischen Wurzen war man sich nicht zu schade das SEK aufmarschieren zu lassen. Einer der Beamten fiel dabei durch eine fragwürdigen Aufnäher auf. Wir dokumentieren einen Text von Hannes Kling.

Rechtsextreme Aufnäher im Einsatz bei einem sächsischen SEK-Beamten?
Im sächsischen Wurzen fand am 2. September 2017 eine antifaschistische Demonstration gegen die lokalen Strukturen der Neonazis und Rassisten statt. Dabei setzte die Landespolizei auch offensiv das SEK ein, um die Demonstration zu begleiten. Insgesamt fanden ca. 20 SEK-Beamte den Weg nach Wurzen. Einer der eingesetzten Beamten trug dabei einen Aufnäher (sogenannter „Patch“), der als „Wikingerflagge“ eine hohe Verbreitung in der rechtsextremen Szene hat und einen der zwei Raben des nordischen Gottes Odin darstellt.

Read More

25 Jahre Rostock Lichtenhagen

Im August 2017 jährt sich das Pogrom von Rostock Lichtenhagen zum 25. Mal. Das ist für uns Grund genug uns kritisch und aus einer antifaschistischen Perspektive mit den damaligen Ereignissen und ihrer Bedeutung für die Gegenwart auseinanderzusetzen. Morgen (11.08.) wird es in der Lohro-Sendung Homerun gegen 16 Uhr auch einen kurzen Beitrag zum Thema geben. Lohro sendet auf 90.2 MHz bzw. 94.0 MHz via Kabel. Den Webplayer findet ihr: hier.

Den Aufruf des „Irgendwo in Deutschland“ Bündnisses findet ihr: hier.

Wir haben eine kleine Veranstaltungsreihe organisiert.
14.08. – Filmvorführung: „The Truth lies in Rostock“ – Café Median (evt. auf dem Hinterhof) – 19 Uhr
16.08. – Vortrag: „Kontext, Dimension und Folgen rassistischer Gewalt“ – Café Median – 19 Uhr
18.08. – Podiumsdiskussion „25 Jahre Rostock Lichtenhagen – Das Pogrom aus antifaschistischer Perspektive“ mit Zeitzeugen*innen – Möckelsaal Peter-Weiss-Haus – 19 Uhr
Die Ankündigungstexte der Veranstaltungen findet ihr: hier.

Es gibt noch zwei weitere Texte zum Thema:
Rostock Geschichtsvergessen
Schaum statt Erinnerung

#Wurzen0209

Das Land – rassistisch, Der Frieden – völkisch, Unser Bruch – unversöhnlich.

Demonstration in Wurzen am 2. September 2017, #Wurzen0209

Das Land – rassistisch

Reaktionäre Organisierung und Mobilisierungen finden in Sachsen seit mehreren Jahren ihren bundesweiten Höhepunkt. Die Liste der Akteur*innen dieser Bewegung wie PEGIDA/LEGIDA, “Nein zum Heim”, “Offensive für Deutschland”, AfD und ähnliche reaktionäre Organisationen ist fast endlos und erfreut sich gerade hier einer großen Beliebtheit. In keinem anderem Bundesland gibt es so viele rassistische Angriffe auf Menschen wie in Sachsen. Des Weiteren sind Geflüchtetenunterkünfte und Strukturen von Unterstützer*innen Ziel rechter Attacken. Hier zeigen sich deutliche Kontinuitäten seit den 1990er Jahren, nicht umsonst war Sachsen eine Homezone des NSU.

Während die Bundesregierungen seit den 90er Jahren eine Politik der europäischen Abschottung forcieren, treiben rechte Akteur*innen den rassistischen Normalzustand besonders im Osten der Republik voran. Erst Mitte Juni gab es in Wurzen eine Spontandemonstration eines rassistischen Mobs und den daraus folgenden Versuch, eine Wohnung von Geflüchteten anzugreifen. Ähnliche Angriffe gab es bereits in den Monaten davor, Geflüchtete, die in Wurzen leben, berichten von rassistischen Anfeindungen und körperlichen Angriffen im Alltag. Feinde sind zugeschriebene „Fremde“, ausgemalt mit Hilfe der weit verbreiteten Ressentiments gegen beispielsweise Nicht-Weiße, Muslime*Muslima und Jüdinnen*Juden. Vor allem der antimuslimische Rassismus hat der sich in den vergangenen Jahren Bahn gebrochen und führte zu einer großen Mobilisierungsfähigkeit rechter und rechts-orientierter Kontexte in Sachsen.

Festgehalten werden muss, dass es sich bei den Inhalten um das aktuelle thematische Inventar der extremen Rechten handelt: „Islamisierung“ und „Überfremdung“ sind die wesentlichen Stichwörter, aber auch die geradezu paranoide Annahme, einem „Vorbürgerkrieg“ ausgesetzt zu sein, der durch das bedrohte „Volk“ nicht mehr auszuhalten und gegen „die Fremden“ auszutragen sei.

Dabei ist die gesellschaftliche und strukturelle Verankerung der rechten Szene in Sachsen ein wesentlicher Grund dafür, dass sich hier über mehrere Jahre rassistische und rechte Mobilisierungen halten und ausbreiten konnten. Bundesweit sind Orte wie Bautzen, Clausnitz, Freital, Heidenau bekannt geworden für eben diese Mobilisierungen und Gewalt gegen Geflüchtete, ihre Unterstützer*innen und Linke. Sie sind Beispiele und Vorbilder für rechte Bewegungen. Bei der Betrachtung dieser sächsischen Verhältnisse muss die doppelte Funktion und die Bedeutung für reaktionäre Bewegungen aus ganz Deutschland betrachtet werden: Auf der einen Seite herrscht in Sachsen ein besonderes gesellschaftliches Klima, dass rassistische Bewegungen befeuert. Zivilgesellschaftliche und antifaschistische Akteure können nur innerhalb der Großstädte Wirkungskraft entfalten. Auf dem Land sind diese Akteure entweder nicht vorhanden oder aber Ziel reaktionärer Kräfte. Nirgendwo sonst ist so ein Inneinandergreifen von Neonazis und „ganz normalen Bürger*innen“ zu beobachten. Hieraus folgt die besondere zweite Bedeutung Sachsens für die bundesweite Rechte Szene: Es ist nämlich nicht nur Aktionsraum, um aus dem völkischen Programm eine politische Praxis zu entwickeln, sondern wird auch immer mehr zum positiven Bezugsrahmen rassistischer Bewegungen.

So ist es nicht verwunderlich, dass die neonazistische Kleinstpartei„”Der III. Weg“ ihren Aufmarsch am 1. Mai 2016 in Plauen veranstaltet hat. Dort existierte bereits die rassistische Bewegung “Wir sind Deutschland“ die sich als Alternative zu Pegida sieht. Zeitweise mobilisierte diese bis zu 5000 Teilnehmer*innen. Ähnliches kann zu PEGIDA in Dresden gesagt werden. Dresden bildet immer noch das Zentrum der GIDA-Bewegungen. Nahezu alle noch existenten GIDA-Aufmärsche im ganzen Bundesgebiet beziehen sich immer wieder inhaltlich und personell auf PEGIDA in Dresden.

Es bleibt also festzuhalten: In Sachsen sind rassistische Mobilisierungen nicht nur besonders stark, sodass völkischer Mob und Neonazis gemeinsam agieren können. Es besitzt auch einen Role Model Charakter für rassistische Bewegungen in ganz Deutschland.

Gleichzeitig sind gerade in den letzten Jahren Orte der permanenten rechten Gewalt und Organisierung nahezu in Vergessenheit geraten. Ein Beispiel hierfür ist die Stadt Wurzen, die seit mehr als 20 Jahren Schwerpunkt neonazistischer Gewalt und Strukturen in der Region Leipzig ist. In diesem Ort wohnen wichtige Organisatoren für den Neonaziangriff im Januar 2016, als in Connewitz knapp 250 Neonazis auf der Wolfgang-Heinze-Str. Menschen und Häuser angriffen. Ebenso leben in Wurzen auch Protagonisten, die kontinuierlich die LEGIDA-Aufmärsche organisierten und unterstützten. Des Weiteren konnten sich in Wurzen neonazistische Vertriebsstrukturen etablieren, mit deren Hilfe sie Gelder akquirieren. Rechte Gewalt ist hier seit den 90er Jahren Alltag und aus einer bundesweiten Wahrnehmung nahezu verschwunden. Nicht umsonst fabulierten in den 90ern Neonazis von Wurzen als “national befreiter Zone”.

Der Frieden – völkisch

Landstriche werden nicht nur durch Gewaltandrohung zum sicheren Hinterland für Neonazi-Strukturen und deren Aktivitäten. Das eigentliche Problem liegt in der gesellschaftlichen Akzeptanz völkischer Programmatiken. Übergriffe auf Geflüchtete in Wurzen durch den völkischen Mob in den vergangenen Jahren werden immer wieder von Polizei, anderen staatlichen Stellen und “ganz normalen Bürger*innen” als nachvollziehbar relativiert und es wird sich so mit den Täter*innen solidarisiert. Hier zeigt sich ein gesamtgesellschaftlicher Konsens, in dem rechte Propaganda nicht mehr notwendig ist.

Dieser gesellschaftliche Rückhalt für neonazistische Erklärungsmuster zeigt sicht nicht nur in Wahlergebnissen oder Übergriffen. Er kommt vielmehr im alltäglichen Zusammenspiel von Neonazis, Mehrheitsgesellschaft und staatlichen Institutionen zu Stande.

Das was alle eint, ist die Identifizierung mit der Volksgemeinschaft und der damit verbundenen Vorstellung von Zugehörigkeit. Diese setzt die prinzipielle vom Staat vorgenommene Einteilung in In- und Ausländer*innen voraus. Die daraus resultierende Forderung, dass der Staat mit seinen Einrichtungen und Leistungen vordergründig für die Nation und das Wohlergehen des deutschen Volkes da zu sein habe, haben sowohl Mehrheitsgesellschaft als auch Neonazis gemein. Eine Folge daraus ist ein rassistisches Asylsystem und dessen tödliche Konsequenzen im Mittelmeer. Dass dieses Prinzip nicht für jeden Einzelnen in Wohlergehen aufgeht, ist die Konsequenz eines Konkurrenzverhältnisses, in welches die Menschen in einem kapitalistischen Staat zueinander gesetzt sind. Es führt dazu, dass Unzufriedenheiten und soziale Verwerfungen auf „fremde“ und „dem Gemeinwohl abträgliche“ Gruppen und ihren Egoismus projiziert werden: die Schuld an Erwerbslosigkeit trügen demnach die „Ausländer“, am „Volkstod“ die zunehmende Emanzipation der Frau, verantwortlich für die hohen Sozialbeiträge seien die „schmarotzenden Hartz-IV-Empfänger“, Politiker*innen seien größtenteils „Volksverräter“, die nicht „richtig“ dem deutschen Volke dienen und hinter allem stecke überhaupt der von „Hedgefonds-Heuschrecken“ vorangetriebene Ausverkauf „ehrlicher deutscher Arbeit“. Anstatt also der Versuch unternommen wird, die Ursachen des gesellschaftlichen Elends zu begreifen und die kapitalistische Ordnung, gemeinsam und solidarisch mit denen von ihnen verhassten vermeintlichen Nicht-Deutschen und Harz IV-Empfänger*innen, auf die Müllhalde der Geschichte zu werfen, findet eine Identifikation mit dem nationalen Kollektiv und ein „Treten nach unten“ statt. Die jubelpatriotischen Fahnenmeere während fast jeder Fußball-WM/EM der Männer sind eines der sichtbarsten Zeichen kollektiver Selbstvergewisserung. Offen auftretende Neonazis bilden dabei lediglich die Spitze des Eisbergs der Mehrheitsgesellschaft mit den Attributen antisemitisch, rassistisch und sexistisch.

In Sachsen wird dieser völkische Konsens ganz besonders unverhohlen sichtbar. Hier gibt es dafür seit mehreren Jahren den vom Freistaat organisierten so genannten „Tag der Sachsen“, das größte „Volksfest“ im Jahr. Wer als anders wahrgenommen wird, bekommt Probleme. So wurden beim „Tag der Sachsen“ 2015 im Wurzen Geflüchtete, die über mehrere Wochen hinweg in der Stadt und in ihrer Wohnung bedroht und angegriffen wurden, an jenem Wochenende aus dem Ort gebracht.

Unser Bruch – unversöhnlich

Am Wochenende des 2. und 3. September wird in Löbau bei Dresden der „Tag der Sachsen“ gefeiert. Statt dort hinzugehen, wo sich staatliche Akteure als schöneres, weltoffeneres Sachsen oder Deutschland inszenieren, wollen wir mit euch nach Wurzen fahren, das exemplarisch für die rassistische Normalität in Sachsen steht. Neonazis beanspruchen die Provinz als sicheren Aktionsraum – wir erklären sie zum Ziel antifaschistischer Politik. Wir möchten organisatorisch mit euch an die antifaschistische Demonstration 1996 in Wurzen anknüpfen, da hieß es:

„Trotz der beschränkten Wirksamkeit jeder Demonstration soll diese der Öffentlichkeit deutlich machen, daß es notwendig ist, den Nazis direkt entgegenzutreten, ihre Strukturen und Treffpunkte anzugreifen, obwohl dadurch perspektivisch keine konkrete strukturelle Alternative entsteht. Die Notwendigkeit solcher Alternativen ist dem Demovorbereitungskreis sehr bewußt. Deshalb soll die Demonstration Bündnischarakter tragen, der die verschiedensten antifaschistischen Ansätze bündelt: antifaschistische Jugend- und Kulturarbeit, militantes Grundverständnis, parlamentarische wie außerparlamentarische Aktivität, feministischer Widerstand und Flüchtlingshilfe. All diese Akzente soll die Demonstration repräsentieren.”

Der Aufruf von 1996 und unsere eigenen Erfahrungen bei antifaschistischen Demonstrationen (nicht nur) in Sachsen zeigen, worauf sich Antifaschist*innen einstellen müssen. Provozierende Neonazigruppen am Rande der Demo, Angriffe auf die Demo und ihre Infrastruktur und eine Polizei, denen nicht erst seit G20 unterstellt werden darf, dass sie die Außenwirkung von gesellschaftskritischen Demos mit enger Begleitung im Spalier und der Kriminalisierung von Teilnehmenden möglichst verhindern will. Diese Dinge werden uns in Wurzen erwarten und dem werden wir entschlossen entgegentreten. Auf medienwirksame Diskreditierung der Demo durch überzogene Polizeimaßnahmen werden wir ebenso reagieren wie auf pöbelnde Neonazi-Gruppen. Wir tragen mit der Demo die Botschaft nach Wurzen, dass der deutschetümelnden Volksgemeinschaft nach wie vor unsere Aufmerksamkeit sowie unser Kampf gilt und schliessen uns noch immer der 20 Jahre alten Analyse der Genoss*innen an:

“Wenn den Nazis in der dortigen Situation ernsthaft und wirksam begegnet werden kann, dann nur durch gegenseitige Akzeptanz und wechselseitiges Verständnis für alle Facetten einer lebendigen Antifa. Nur eine gemeinsame starke Antifa-Bewegung, die den Aktivitäten der staatlichen Behörden kritisch bis ablehnend gegenübersteht, vermag den Nazis im Muldentalkreis die Vormacht zu nehmen, ihre Strukturen zu zerschlagen und sie vom Rückhalt in der Bevölkerung zu isolieren.”

Organisiert den antifaschistischen Widerstand – bildet Antifa-Gruppen!

Schaum statt Erinnerung

Wir dokumentieren einen Text von linkunten.indymedia.org, der sich kritisch mit dem Gedenkkonzept der Stadt auseinandersetzt. Den originalen Text mit Bildern findet ihr hier.

Zum 25. Jahrestag des rassistischen Pogroms von Rostock Lichtenhagen 1992 werden im gesamten Stadtgebiet verteilt fünf Gedenkorte geschaffen. Dabei sollen fünf weiße Stelen an zum Teil symbolischen Orten verschiedene Aspekte des Pogroms aufzeigen und eine Auseinandersetzung mit dem Thema anstoßen. Die Stelen orientieren sich dabei an den Säulen der Demokratie: Exekutive, Legislative und Judikative, die hier noch um die wichtigen demokratischen Eckpfeiler Medien und Zivilgesellschaft erweitert werden. Diese Grundwerte sollen so als Gegenentwurf zum Pogrom ins Zentrum der Erinnerung gerückt werden. Das Konzept der fünf Stelen wurde von der Künstlergruppe „Schaum“ entworfen, die damit die öffentliche Ausschreibung der Hansestadt Rostock für sich entscheiden konnte.

Es ist erfreulich, dass die Bürgerschaft endlich bereit ist, die Leerstelle im öffentlichen Gedenken zu füllen, die der bisher noch nicht vorhandene feste Gedenkort für das Pogrom darstellt. Es ist ebenfalls begrüßenswert, dass der Weg über eine öffentliche Ausschreibung gewählt wurde, statt einfach wie noch 2012 eine deutsche Eiche zu pflanzen. Es ist aber zu bezweifeln, ob das gewählte Gedenkkonzept wirklich zu einer Aufklärung und Auseinandersetzung mit den Ereignissen von 1992 beitragen wird. Die unscheinbaren Installationen werden der Spezifik des Pogroms nicht gerecht, weil wichtige Aspekte, die einer Versöhnung mit der Vergangenheit im Wege stehen, bewusst ausgeklammert werden. So wird sowohl der rassistischen Dimension der „Ausschreitung“ als auch der Zustimmung und Beteiligung der Anwohner*innen an dem Pogrom keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. Das Konzept erhält dadurch etwas Beliebiges und Austauschbares und könnte in seiner Darstellung genausogut für ein anderes Ereignis stehen. Für unwissende Bürger*innen könnte es sich als schwierig erweisen die Stelen in den Kontext von Lichtenhagen zu setzen. Kritik an Kunst ist per se schwierig, die Stelen sollen aber offizieller und vor allem sichtbarer Gedenkort sein und können so auch in diesem Rahmen kritisiert werden. Gerade dieser letzte Aspekt darf bezweifelt werden. Lediglich durch kleine Bodenplatten, die auf eine weiterführende Website verweisen, wird ein Bezug zwischen Stele und Gedenkfunktion hergestellt. Die unscheinbaren Objekte korrespondieren eher mit den Standpunkten der Bürgerschaft, die größtenteils um ein leises Gedenken bemüht scheint, als einen erinnerungspolitischen Stachel zu setzen. Die Priorität liegt darauf die Auseinandersetzung um die Ereignisse abzuschließen ohne dabei anzuecken. Der Begriff des Pogroms wird dabei lediglich unter der Voraussetzung anerkannt, dass zugleich Debatten um Verantwortung ausgeklammert werden oder zumindest in den Hintergrund treten.

Die Stele „Staatsgewalt“ ist nahe der Polizeistation in der Ulmenstraße schräg in den Boden eingelassen und trägt Auszüge aus der Polizeiverordnung, die Aufgaben der Polizei benennen. Diese Visualisierung stellt auf gelungene Weise den Widerspruch zwischen dem Handeln der Polizei während des Progroms und ihren eigentlichen Pflichten dar. Die Beamt*innen sollen so jeden Tag mit dem Gedenkort konfrontiert werden. Hierfür wäre allerdings ein Platz in unmittelbarer Nähe des Eingangs deutlich besser geeignet als die gewählte abseitige Postionierung, welche eher von Passant*innen frequentiert wird.

Die Stele „Medien“ befindet sich unmittelbar vor dem Hauptgebäude der Ostsee-Zeitung, die 1992 mit tendenziöser Berichterstattung Öl ins Feuer der „Ausschreitung“ goss. Acht in die Stele eingelassene bewegbare Platten sollen zu verschieden Wortgruppen zusammenfügbar sein. Wie die Komplexität und die verschiedenen Ebenen des Pogroms mit dem Nachbau eines Kinderspielzeugs greifbar gemacht werden sollen, ist dabei schwer nachzuvollziehen, gerade weil die damalige Berichterstattung keineswegs naiv mit Worten spielte. So entschied sich beispielsweise die NNN (Norddeutsche Neueste Nachrichten) trotz aller Warnungen des damaligen Ausländerbeauftragten der Hansestadt die faktische Ankündigung des Pogroms in Form von anonymen Telefondrohungen abzudrucken, ebenso wie die Ostsee-Zeitung.

Die Stele „Courage“ im Rosengarten enthält das Negativ eines Vogelhäuschens und ist in Anlehnung an das Logo des JAZ, in dem 1992 antifaschistische Interventionen organisiert wurden, von Disteln umgeben. Dies soll auch die Schmerzen symbolisieren, mit denen Zivilcourage verbunden sein kann. Diese Stele zeigt, dass der Schwerpunkt des Konzepts eher auf abstrakter Symbolik liegt statt sich direkt auf das Geschehene zu beziehen. Zum Gedenkkonzept gehört ebenfalls ein Kunstbuch für Heranwachsende, dem als Gimmick eine Packung Sonnenblumenkerne begelegt wird, die in der Stele platziert werden können. Stärker noch als bei den anderen Gedenkorten wird hier deutlich, dass die interaktive Beschäftigung mit dem Objekt die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Pogrom zu ersetzen droht.

In die Stele „Politik“, in der Nähe des Rathauses, ist ein Gesicht eingelassen, in dem sich Regenwasser sammeln kann, das durch kleine Öffnungen in den Augen ablaufen kann, um so Tränen der Trauer zu symbolisieren. Unerklärt bleibt dabei, wer hier aufgrund welcher Handlungen über wen trauern soll, wenngleich das Handeln unterschiedlichster politischer Instanzen vielfältigen Anlass zur Trauer bietet. Begonnen bei der Weigerung des Innensenators eine sanitäre Versorgung vor der ZASt zur Verfügung zur stellen, bis hin zur Empörung des Bundesinnenministers darüber, dass deutsche Polizist*innen wegen Migrant*innen gegen Deutsche vorgehen müssten, zeigt sich ein systematisches Fehlverhalten von Verantwortlichen, welches auch die Untersuchungsausschüsse der Kommune und des Landes nicht aufklären konnten und wollten.

Der fünfte Gedenkort vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock Lichtenhagen besteht aus einer zertrümmerten und wieder zusammengesetzten Gehwegplatte und der Stele „Selbstjustiz“ mit einem lose aufgelegten Stein eben jener Platte. Darf bereits bezweifelt werden, dass der Stein dort länger verbleibt, so wird auch die Stele selbst der Erinnerung an das Pogrom in mehrerer Hinsicht nicht gerecht: so präsent möglicherweise die Zertrümmerungsszenen dieser Platten im medialen Gedächtnis sein mögen, waren es doch vor allem Molotovcocktails und die Masse jubelnder Anwohner*innen, die für das Pogrom bezeichnend waren. Auch der Begriff Selbstjustiz bereitet Schwierigkeiten, suggeriert er doch, dass das Pogrom eine Notwehrhandlung gegen eine reale Bedrohung war. Damit werden die Taten von 1992 und das Verhalten der Anwohner*innen im nachinein relativiert und entschuldigt.