Nice to Beat You!

Für den 20.07. haben die Identitären zu einer Demonstration durch Halle aufgerufen. Wir dokumentieren den Aufruf zu den Gegenprotesten. Weitere Informationen findet ihr: hier.


Aufruf

Die Identitäre „Bewegung“ lädt am 20. Juli 2019 nach Halle/Saale zu einer Demonstration am Hauptbahnhof und einem „Straßenfest“ vor dem rechten Hausprojekt „Flamberg“ ein. Diesem Aufruf werden wir mit den besten antifaschistischen Absichten folgen.

Mit dem „gescheiterten“ Hausprojekt (O-Ton A. Lichert, AfD), einer kaum wahrnehmbaren öffentlichen Präsenz und laufenden Gerichtsverfahren gegen einige Mitglieder steht es um die selbsternannte „Identitäre Bewegung“ in Halle nicht allzu gut. Über Halle hinaus ist es ebenfalls eher still um die Möchtegern-Bewegung geworden. Angekündigte Großdemonstrationen und Gatherings in Berlin, Wien oder gar Dresden haben eher die Beschränktheit der eigenen Klientel als das Aufkommen einer neuen patriotischen Jugend bewiesen. Schlagzeilen liefern sie lediglich durch neuerlich bekannt gewordene Verstrickungen in Gewalttaten sowie rechte bis rechtsterroristische Netzwerke und die Funde aus polizeilichen Hausdurchsuchungen.

Fakt ist jedoch, dass Halle nach wie vor ein wichtiger Vernetzungspunkt für die Neue Rechte darstellt. Die Nähe zum „Institut für Staatspolitik“ in Schnellroda, die 14 eingefahrenen Prozentpunkte bei der diesjährigen Stadtratswahl für die AfD, ein Sitz für die Campus Alternative im Studierendenrat der Martin-Luther-Universität und die gekaufte Immobilie in der Adam-Kuckhoff-Straße 16 lassen Halle als attraktiven Standort für (neu-)rechte Umtriebe erscheinen. Die letzten Jahre haben den einzelnen Mitgliedern der Identitären jedoch etwas anderes bewiesen.

Wir wissen, dass man eigentlich nicht nachtritt, wenn jemand schon am Boden liegt. Trotzdem rufen wir hiermit dazu auf den 20. Juli zum Desaster für die Identitären und ihren Symphathisant*innen zu machen! Ihren Aktionen gilt es wie immer konsequent und mit allen Mitteln zu begegnen!

Identitäre in Halle? – Nice to Beat You!

Bildungsfahrt nach Terezin

Unsere diesjährige Bildungsfahrt führte uns nach Terezin in Tschechien, das allgemein eher unter seinem deutschen Namen Theresienstadt als ehemaliges Konzentrationslager bekannt ist. Nachdem wir in den letzten beiden Jahren jeweils einen Tagesausflug nach Fürstenberg an der Havel zu dem ehemaligen Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück unternommen haben, haben wir uns dieses Jahr für eine mehrtägige Fahrt in die tschechische Republik entschieden. Wir wollten so neue Eindrücke gewinnen und uns mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzen.

Die Fahrt wurde durch eine Filmvorführung der Dokumentation „Liga Terezin“ im Rahmen des Poldo im Peter-Weiss-Haus vorbereitet. Der etwa einstündige Film beleuchtet die Rolle von Fußball im Konzentrationslager Theresienstadt und ist in einer Zusammenarbeit von Mike Schwartz, Avi Kanner, Uri Buzaglo und Rubi Gat mit dem Beit Theresienstadt Museum in Israel entstanden. Der jüdischen Selbstverwaltung des Lagers war es gestattet kulturelle Ereignisse und allgemeine Aktivitäten zu organisieren, dazu gehört eben auch die Ausrichtung einer Fußball-Liga mit Auf- und Absteigern, Pokalwettbewerben und einer Jugendliga. Der tschechische Sportjournalist Frantisek Steiner hat dieses Thema in seinem Buch „Fußball unterm gelben Stern: Die Liga im Ghetto Theresienstadt 1943-44“ ausführlich beleuchtet. Frantiseks Steiners Vater war in Theresienstadt inhaftiert. Er selbst wurde zur Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls verfolgt und war in einem anderen Lager interniert. Zur letztjährigen Fahrt nach Ravensbrück hatten wir ebenfalls einen begleitenden Vortrag organisiert. Das Thema des Veranstaltung und Schwerpunkt der Bildungsfahrt waren damals Menschen, die im Nationalsozialismus als sogenannte „Asoziale“ verfolgt wurden.

Theresienstadt wurde Ende des 18. Jahrhunderts unter Kaiser Josef II. als Festungsstadt gegründet und nach seiner Mutter, Kaiserin Maria Theresia, benannt. Die Stadt wurde am strategisch wichtigen Zusammenfluss von Elbe und Eger gebaut und sollte das Eindringen feindlicher Kräfte nach Böhmen verhindern und den Wasserverkehr auf der Elbe überwachen. Die Stadt besteht aus der Hauptfestung und der sogenannten kleinen Festung, die durch die Eger getrennt werden. Beide Festungen werden von Gräben und massiven Mauern umgeben, die sternförmig angeordnet sind. Ein Großteil der Maueranlagen ist auch heute noch intakt. Unterhalb der Mauern verlaufen kilometerlange Tunnelanlagen. Während unseres Besuchs in der Stadt konnten wir sowohl die Befestigungsanlagen als auch einige der Tunnel erkunden. Die Fertigstellung der Festungsstadt nahm ungefähr ein Jahrzehnt in Anspruch.

Theresienstadt wurde nie angegriffen, veraltete mit der Zeit und wurde in eine Garnisonsstadt umgewandelt. Die kleine Festung wurde später als Strafanstalt genutzt. Einer der bekanntesten Häftlinge war Gavrilo Princip, der mit seinem Attentat auf den österreich-ungarischen Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Chotek entscheidend zum Ausbruch des ersten Weltkriegs beitrug. Bei der Besichtigung seiner Zelle, in der er auch starb, stießen wir auf ein Blumengebinde. Diese werden dort regelmäßig von Serben, die Princip zum Helden verklären, abgelegt. Durch die Abtretung des sogenannten Sudetenlandes im Rahmen des Münchner Abkommens 1938 und die abschließende Besetzung der restlichen Tschechoslowakei im März 1939 kam Theresienstadt in den Einflussbereich des nationalsozialistischen Deutschlands. Die kleine Festung wurde 1940 in ein Gestapo-Gefängnis umgewandelt.
Im Rahmen unser Bildungsfahrt erhielten wir eine Führung über das Gelände der kleinen Festung. Die Besichtigung begann im ehemaligen Aufnahmebereich, von dem aus die Häftlinge durch einen Torbogen mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ zu ihren Zellen gehen mussten. Diese Aufschrift wurde auf Befehl des Lagerkommandanten Heinrich Jöckel angebracht, der damit das Tor in Auschwitz nachempfinden wollte. Wir besichtigten u.a. mehrere Zellentrakte, die Krankenstation, den Duschtrakt, die Befestigungsanlage und den Hinrichtungsplatz. Dadurch, dass die Anlage noch sehr gut erhalten ist, wurde die Vergangenheit greifbarer als z.B. in Ravensbrück. Als ein Beispiel dafür kann die Strafzelle genannt werden in die 50 bis 60 Häftlinge eingesperrt waren und die kaum genug Platz für unsere Reisegruppe von weniger als 20 Menschen bot. Sehr beklemmend, wie eigentlich das ganze Gelände, war der Duschtrakt. Auch wenn die Häftlinge hier ihre wöchentliche Dusche erhielten, so weckte er doch bei einigen Teilnehmer*innen Assoziationen zu den Gaskammern in anderen Lagern, die es aber in Theresienstadt nie gegeben hat. Die Führung wurde durch einen kurzen Film über die Geschichte Theresienstadts abgeschlossen. Zusätzlich zu der neueren Dokumentation wurden uns Auszüge aus dem 1944 gedrehten Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Film aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ gezeigt. Der Film sollte der Weltöffentlichkeit vorgaukeln, dass die Juden in Theresienstadt ein ganz normales Leben führten. Auch bei Inspektionen durch das Internationale Komitee des Roten Kreuzes wurden Teile des Konzentrationslagers hergerichtet und so der Eindruck, dass Theresienstadt eine normale Stadt sei, weitestgehend erfolgreich vermittelt.

In der Hauptfestung und ehemaligen Garnisonsstadt wurde ab November 1941 ein Sammel- und Durchgangslager eingerichtet. Das Lager wurde als Ghetto Theresienstadt und auch als jüdischer Wohnbezirk bezeichnet, dies diente sowohl der Täuschung der Öffentlichkeit als auch der Inhaftierten. Im Lager wurden zuerst Juden aus dem neu eingerichteten Reichsprotektorat Böhmen und Mähren inhaftiert. Ab der Wannseekonferenz 1942 wurden dann ältere und prominente Juden (also z.B. Professoren, Ärzte und Sportler) aus allen Teilen Europas, die die Nazis erobert hatten, nach Theresienstadt gebracht. Das Lager war kein Vernichtungslager wie Auschwitz, aber trotzdem starben dort viele Menschen durch die schwere Arbeit und die schlechten Lebensbedingungen. Durch die schlechten hygienischen Bedingungen gab es im Lager immer wieder Epidemien, z.B. Typhus und Fleckfieber. Der jüdischen Selbstverwaltung in Theresienstadt war es gestattet, das Lagerleben teilweise mitzugestalten, so sollte die Funktion des Lagers verschleiert werden und die Juden und Jüdinnen davon abgehalten werden Widerstand zu leisten. Im Laufe des Krieges waren ungefähr 140.000 Menschen im Konzentrationslager inhaftiert. Davon starben 30.000 in Theresienstadt und 90.000 wurden nach Auschwitz deportiert. Am 8. Mai 1945 wurde das Konzentrationslager durch die sowjetischen Panzer, die auf dem Weg nach Prag waren, befreit. Auch nach der Befreiung starben noch viele Inhaftierte an der grassierenden Fleckfieber-Epidemie. Von 1945 bis 1948 wurde die kleine Festung als Internierungslager für Deutsche verwendet. Theresienstadt diente dann bis 1996 als Garnisonsstadt für die tschechische Armee und konnte sich erst danach zu einer zivil genutzten Stadt entwickeln. Heute gibt es in der Stadt neben den Museen und historischen Gedenkorten auch ein Hotel, kleine Geschäfte, Gaststätten, einen Campingplatz und sogar eine Grundschule.
Unsere Unterkunft war ebenfalls direkt in der Stadt. Es ist dabei etwas surreal in dieser Stadt zu sein und den Alltag dort zu beobachten, wenn man sich ihrer Geschichte bewusst ist. Menschen leben in Häusern, die im Konzentrationslager als Baracken genutzt wurden, oder bringen dort ihre Kinder zur Schule. Das ist schwer miteinander in Einklang zu bringen. Wir besuchten in der Stadt das Ghettomuseum und die ehemaligen Magdeburger Kasernen, in der verschiedene Ausstellungen untergebracht sind. Andere Orte, die wir besichtigen konnten, waren ein jüdischer Gebetsraum, die Totenkammern, das Kolumbarium, in dem Asche von Toten gelagert wurde, das Krematorium und die Gleise, auf denen die Menschen in den fast sicheren Tod nach Auschwitz deportiert wurden. Das Krematorium empfanden dabei einige Teilnehmer*innen als besonders beklemmend, da hier anders als in den meisten anderen Konzentrationslagern die Verbrennungsöfen noch erhalten sind. Die Öfen wurden von den Nazis meistens als Erstes zerstört, um ihre Verbrechen zu verschleiern.

Ein wichtiger Teil von Auseinandersetzung mit der historischen Vergangenheit ist das Gedenken an die Verstorbenen. In Theresienstadt gibt es mehrere Friedhöfe und Gedenkstätten. Auf dem Nationalfriedhof vor der kleinen Festung wurden aus Massengräbern exhumierte Tote aus der kleinen Festung und Konzentrationslagern in den umliegenden Städten begraben. Für die jüdischen Toten gibt es einen jüdischen Friedhof außerhalb der Stadt. Auf dem Friedhof liegt die Allee der Nationen, wo auf 13 Obelisken die Namen der Staaten, deren Angehörige inhaftiert waren, verewigt sind. In der Nähe des jüdischen Friedhofs gibt es auch ein Mahnmal für sowjetische Soldaten mit Gräbern von 49 Rotarmisten. Am Ufer der Eger ist eine weitere Gedenkstätte, da dort im November 1944 die Asche von 22.000 Toten in den Fluss geworfen wurde.
Den zweiten Tag konnten die Teilnehmer*innen individuell gestalten. In der Umgebung von Theresienstadt liegen die Städte Litoměřice (Leitmeritz) und Lovosice (Lobositz). In beiden Städten lagen Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg und in Leitmeritz wurden in einer unterirdischen Fabrik Motorenteile produziert. Am Ufer der Elbe liegen auch mehrere Burgen und Burgruinen wie etwa die Burg Střekov. Hier soll der antisemitische Komponist Richard Wagner zu seiner Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“ inspiriert worden sein.

Die Teilnehmer*innen zogen nach der Fahrt ein positives Fazit. Es konnten viele neue Eindrücke und Erkenntnisse gesammelt werden. Dabei waren gerade die zahlreichen erhaltenen Gedenkorte hilfreich. Sehr vorteilhaft war, dass alle Teilnehmer*innen ein umfangreiches Vorwissen besaßen, und die meisten Teilnehmer*innen vorher bereits Konzentrationslager oder andere Gedenkstätten der nationalsozialistischen Verbrechen besucht hatten. Dadurch war die gebotene Sensibilität für das schwierige Thema gewährleistet und es konnte sich gegenseitig bei der Verarbeitung und Reflexion des Gesehenen unterstützt werden. Die Fahrt war reich an unterschiedlichen Erfahrungen und intensiven Eindrücken und der gewählte Zeitrahmen erwies sich als sinnvoll.

Die Fahrt wurde durch den Initiativenfonds der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.